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Luftpost zur Leipziger Herbstmesse 1949 und der Berliner Postkrieg

 

Anlass für diesen Beitrag sind zwei Luftpostbelege, die am 5.9.1949 von Leipzig nach Berlin (Ost) befördert wurden und durch die noch zu schildernden Umstände in den Berliner Postkrieg gerieten. Diese Belege wurden zur Prüfung vorgelegt. Es ist festzuhalten, dass der damalige so genannte Postkrieg in Ost- West- Richtung zum Prüfgebiet „SBZ/DDR ab MiNr. 182“ gehört.

 

Der allgemeine internationale Luftpostverkehr wurde bekanntlich in der DDR am 01. März 1950 aufgenommen. Für die Luftpostbeförderung war ab diesem Datum ein Luftpostzuschlag zu entrichten. Beschränkte Luftpostverbindungen gab es aber schon vorher. Zum einen der Messeflugverkehr am 29. 8. 1949 und 5.9.1949 von Leipzig nach Berlin. Zum anderen gab es möglicherweise 2.1.1950 den Erstflug Berlin – Warschau und am 17.1.1950 den Erstflug Berlin – Moskau.

 

Amtliche Unterlagen zum Messeflugverkehr 29.8.1949 und 5.9.1949 sind bis heute nicht aufgetaucht. Es gibt keine Ankündigung in den Verfügungen und Mitteilungen des Ministeriums für Post und Fernmeldewesen. Lediglich ein Sonderstempel (10b) LEIPZIG C 1 MESSEFLUGHAFEN LEIPZIG-MOCKAU mit Erstverwendungstag 29.8.49 ist genannt (1). Auch sonst wurden bisher keine primären Unterlagen gefunden. So kann nur mit Thesen gearbeitet werden. Vermutet kann werden, dass das Leipziger Messeamt die Idee zu dieser Luftpostbeförderung hatte. Das Leipziger Messeamt war vermutlich ja auch sonst für viele philatelistische Ideen in jener Zeit verantwortlich.
Genutzt wurde für die Messeluftpost die Flugverbindung Prag – Berlin. Diese Flugverbindung bediente die Tchechoslowakische Fluglinie CSA, die auf dem Flughafen Leipzig-Mockau mit dem eingesetzten Flugzeug auf ihrem Flug von Prag nach Berlin Schönefeld zwischenlandete. Der Flughafen Leipzig-Mockau wurde seit Kriegsende von der sowjetischen Armee genutzt. Auch noch im Jahr 1949. Ohne Absprachen mit der Fluglinie CSA und der Sowjetarmee war der Messeflugverkehr nicht denkbar.

 

Am 29.8.1949 wurden bei der Zwischenlandung Sonderbriefumschläge des Leipziger Messeamtes in einer Auflage von 500 Stück an Bord genommen und nach Berlin Schönefeld befördert. Der grüne Flugbestätigungsstempel stammt vermutlich vom Messeamt.

 

 

Abb 1 und 2: Vorder- und Rückseite eines solchen Sonderbriefumschlags mit den beschriebenen Stempelabdrucken

 

Der Luftpostbrief ist portogerecht mit der Zusatzleistung Eilboten befördert worden und trägt rückseitig den Ankunftsstempel BERLIN-FRIEDRICHSHAGEN i 30.8.49. Es wurden auf dem Flug am 29.8.1949 ausschließlich Eilbotenbriefe befördert. Über einen eventuellen Passagierverkehr und die Abfertigung von Fluggästen ist nichts bekannt.
Bei einer zweiten Zwischenlandung eines CSA- Flugzeugs in Leipzig-Mockau am 5. September 1949 sind dagegen sowohl Eil- als auch normale Briefsendungen befördert worden. Zu diesen beförderten Briefen gehören auch die zwei Luftpostbelege, die Anlass für diese Fachstudie sind.

 

Der Grund, warum über 60 Jahre keine Leipziger Messe 1949- Luftpostbelege direkt nach Berlin (West) oder Berlin (Ost)/SBZ mit Weiterleitung nach Berlin (West) bekannt geworden sind, dürfte in der fehlenden Luftpostgebühr liegen. Die Aufrechnung der verklebten Briefmarken ergab immer, wenn portogerecht, exakt die Gebühr für einen Fernbrief und die eventuellen Zusatzleistungen für Einschreiben und Eilboten. Es waren „normale“ Postkriegsbelege. Dr. Wolfgang Elsner, Autor und Herausgeber des Handbuches „DER BERLINER POSTKRIEG 1948/49 UNZULÄSSIG“

 

Abb. 3 Titelseite des Handbuches

 

schreibt in einem Fachaufsatz (2) zu dieser Problematik, ich zitiere „…ein auf einer (Westberliner) Auktion des Jahres 1983 angebotenen Brief, der fast die gleichen Charakteristika aufweist: abgestempelt am 5.9.1949 diesmal im Zweigpostamt Flughafen Leipzig-Mockau des Messepostamtes Leipzig C 1, freigemacht mit =104= für Eilzustellung, mit Luftpostzettel versehen und nach Charlottenburg 9 adressiert, wo die Sendung mit Nachgebühr =70= belegt wurde. Über Ankunftsstempel kann keine Aussage gemacht werden, da eine Kopie der Briefrückseite nicht vorhanden ist. Der Beleg wurde 1983 in Unkenntnis des Sachverhalts nicht als mit Luftpost, sondern allein mit Eilzustellung befördert angeboten und auch entsprechend beschrieben“.

 

In dem gleichen Fachaufsatz informiert Dr. Wolfgang Elsner über das Auftauchen von vier weiteren Belegen, die am 5.9.1949 um 15 Uhr im Leipziger Messepostamt C 1 vom gleichen Absender an den gleichen Empfänger in Berlin- Neukölln, also eine Adresse in Berlin (West), aufgegeben wurden. Nach Dr. Wolfgang Elsner handelt es sich um drei Briefe mit den Zusatzleistungen Einschreiben- Eilzustellung- Luftpost sowie einen Beleg nur mit Eilzustellung- Luftpost. Alle vier Briefe erfüllen die Kriterien für die Anerkennung als Postkriegsbeleg durch Eingangsstempel des Postamtes Berlin-Neukölln 1.

 

Abb. 4: Vorderseitige Abbildung von einem der vier Briefe (leider nur in schwarzweiß)(3)

 

Es sind vor dem Auftauchen der nachfolgend vorgestellten zwei Belege nur insgesamt vier Leipziger Herbstmesse 1949- Luftpostbelege registriert, die in den Berliner Postkrieg gerieten. Der erste der beiden zur Prüfung vorgelegten Belege wurde am 5.9.1949 mit den Zusatzleistungen Einschreiben, Eilboten und Luftpost von einem Herrn Paul Neumann an einen Dr. Carl Stopp in Berlin C 2 gesandt. Er ist mit 164 Pfennig portogerecht frankiert. Die Entwertung der Briefmarken erfolgte mit dem Zweikreisstegstempel (10) LEIPZIG C 1 cg 05.9.49.-14. Rückseitig ist die Ankunft des Briefes im Zustellpostamt mit einem Abdruck durch den Zweikreisstegstempel (1) BERLIN C 2 Eb 06.9.59.-5 nachweisbar. Der Zustellversuch war erfolglos, da Dr. Carl Stopp an der angegebenen Adresse nicht erreichbar war. Dies ist mit einem zweiten Abdruck vom gleichen Stempelgerät (1) BERLIN C 2 Eb 06.9.49.-11 postamtlich dokumentiert. Es erfolgte eine Weiterleitung des Briefes an eine Adresse in Berlin (West), die im Postamtsbereich Berlin W 30 lag. Die Ankunft des Briefes auf diesem Postamt ist mit einem Abdruck des Kreisstegstempels BERLIN W 30 e -7.9.49 11-12 beweisbar. Durch das Postamt Berlin W 30 wurde der Beleg mit einer Nachgebühr von 70 Pfennig belegt und es erfolgte ein Zustellversuch. Die Annahme wurde verweigert. Daraufhin erfolgte die Rücksendung des Briefes an den Auflieferer in Leipzig W 32, Altranstädter Straße 17. Dies ist wiederum mit einem Abdruck durch den Zweikreisstegstempel Leipzig W 32 ? 10.9.49.-8 postamtlich dokumentiert. Soweit die Schilderung der postalischen Behandlung dieses Briefes auf dem Beförderungsweg wie sie durch die Stempelabdrucke nachgezeichnet werden kann.

 

 

Abb 5 und 6: Abbildung der Vorder- und Rückseite des beschriebenen Briefes.

 

Nach der Landung des CSA- Flugzeuges in Berlin- Schönefeld ist die Luftpost vermutlich über das für Luftpost in Berlin (Ost) zuständige Postamt Berlin NW 7 geleitet worden. Von dort zum Zustellpostamt BERLIN C 2. Die Briefsendung war durch die Zusatzleistung Einschreiben gegen „Unterschrift“ (Nachweis der Aushändigung durch die Post) zuzustellen. Eine Eilbotenbeförderung in Berlin (Ost) ist nicht durch Stempelabdrucke dokumentiert.
Die Nachsendung erfolgte über das Austauschpostamt Berlin N 4 für Berlin (Ost) zum Austauschpostamt Berlin SW 11 für Berlin (West) nach Berlin W 30. Eingeschriebene Sendungen mit Zusatzleistung Eilboten wurden nicht mit Postschnelldienst in Berlin (West) befördert, da er sich nicht auf eingeschriebene Sendungen erstreckte. Die Beförderung mit dem Postschnelldienst als dem Vorläufer der Eilbeförderung per Rohrpost in Berlin (West), die im September 1949 noch nicht wieder funktionsfähig war, kommt somit für diesen Beleg nicht in Frage. Der Luftpostklebezettel stammt noch aus Reichspostbeständen. Dem Postamt Berlin N 4 war zur Beförderungszeit die zentrale Inlandszensurstelle für Berlin angeschlossen. Hinweise für eine eventuelle stille/stumme Zensur des Beleges in den Nachstunden sind am Beleg nicht nachweisbar. Die Rücksendung nach Leipzig erfolgte wieder über die Austauschpostämter als einfacher Brief (siehe Laufzeit).

 

Wie ist die durch das Postamt Berlin W 30 erhobene Nachgebühr von 70 Pfennig zu erklären? Der Abdruck des Stempels Berlin W 30 e -7.9.49 fällt in die so genannte 2. Nachgebührenperiode des Postkriegs. Diese begann am 15.7. 49 und dauerte bis zum 15.9.49, dem Ende des Berliner Postkriegs. In dieser Nachgebührenperiode wurde das Briefporto von 10 Pfennig für den innerstädtischen Brief in Berlin (West) (ab 01. September 1949) und 60 Pfennig für die Zusatzleistung Eilbrief in Berlin (West) als Nachgebühr erhoben. Die Zusatzleistung Einschreiben wurde in der 2. Nachgebührenperiode nicht mehr in die Nachgebühr eingerechnet. Eine Luftpostnachgebühr blieb außer Betracht und entfiel, da es keine anzuwendenden Gebührensätze gab.
Wäre der Brief vor dem 15.7.49 einer Nachgebühr unterworfen worden (1. Nachgebührenperiode 14.6.49 bis einschließlich 14.7.49) hätte die Nachgebühr 120 Pfennig betragen. 20 Pfennig Briefgebühr plus 40 Pfennig für Einschreiben plus 60 Pfennig für die Zusatzleistung Eilboten entsprechend den Gebührensätzen in Berlin (West). Der zweite zur Prüfung vorgelegte Beleg wurde am 5.9.1949 von Leipzig nach Berlin „durch Luftpost“ mit der Zusatzleistung Eilboten befördert. Der Brief ist ebenfalls mit 104 Pfennig portogerecht frankiert. Im Gegensatz zum ersten Beleg sind die Briefmarken mit dem Sonderstempel (10b) LEIPZIG C 1 MESSEFLUGHAFEN LEIPZIG-MOCKAU 05.9.49.-15 entwertet. Rückseitig sind die Minutenstempel der Ostberliner Post BERLIN C 25 -6.9.49 8- und BERLIN N 4 ? 6.9.49 20.10 abgeschlagen.

 

 

Abb. 7 und 8 Vorder- und Rückseite des Briefes.

 

Damit ist nachgewiesen, dass dieser Brief nach der Ankunft in Berlin-Schönefeld in Berlin (Ost) als Eilbotenbrief mit Rohrpost befördert wurde entsprechend den postalischen Bestimmungen, dass Eilbotenbriefe auf den schnellstmöglichen Postweg zuzustellen waren. Wie schon beim ersten Beleg geschildert, wurde der Brief nach Berlin (West) nachgesandt. Der Empfänger verweigerte auch hier die Annahme und es erfolgte die Rücksendung nach Leipzig.
Dieser Brief trägt keinen Ankunftsstempel von Berlin W 30 und auch keine Minutenstempel von Berlin (West), die eine Beförderung mit dem Postschnelldienst beweisen würden. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass für die Anerkennung als Postkriegsbeleg ein postalischer Behandlungsnachweis durch die Westberliner Post gegeben sein muss. Hier liegt ein Sonderfall vor: „die berühmte Ausnahme vom Prüfstandard“. Durch den Schwesterbeleg kann der Nachweis als Postkriegsbeleg über Umweg erbracht werden.

 

Zusammenfassend ist festzustellen, dass von den sechs Leipzig Herbstmesse 1949- Luftpostbelegen fünf zweifelsfrei zusätzlich zu Berliner Postkriegsbelegen wurden. Der sechste Beleg bleibt in der „Warteschleife“ bis die Briefrückseite ausgewertet werden kann. Erfolgt eine weitere Differenzierung, dann gibt es vier Belege mit direkter Adresse in Berlin (West), wovon einer mit Postschnelldienst befördert wurde.

 

Zwei Belege, die mit Adressat in Berlin (Ost) durch Nachsendung nach Berlin (West) zu Postkriegsbelegen wurden.

 

Zum Ende dieser Forschungsstudie möchte ich die Leser aufrufen, doch einmal in ihren Sammlungen in der Abteilung Berliner Postkrieg nachzuschauen, ob sich nicht dort ein bisher nicht erkannter Leipzig Herbstmesse 1949- Luftpostbrief befindet, der auch ein Postkriegsbeleg ist. Wer sich mit dem Berliner Postkrieg näher beschäftigen will, dem ist noch ein zweites Buch zu dieser Thematik empfohlen. „Postkrieg“ POSTKRIEG-SPEZIALKATALOG 1870-2008, 7. Auflage 2011/2012 von Burhop/Heijs.

 

Abb. 9: Titelseite des Postkrieg-Spezialkatalogs 1870/2008

 

Innerhalb der Schriftenreihe der Arge „DDR- Spezial“ erschien 2015 ein Handbuch zur Luftpostentwicklung in Ostdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1956, welches ebenfalls zur behandelten Thematik nachlesenswertes enthält. Autor ist der bekannte Luftpostspezialist Horst Teichmann.

 

Nach Auskunft des Einlieferers der Belege zur Prüfung wurden diese für 50 Euro bei Ebay gekauft. Den wahren Sachverhalt hat der Käufer aber ebenfalls nicht erkannt und die Belege „nur“ als „normale“ Postkriegsbelege eingestuft.

 

(1)
Amtsblatt der Hauptverwaltung Post und Fernmeldewesen, Jahrgang 1949, Nummer 36, Seite 428 Nr. 68/ 1949 Sonderpostämter.
(2)
Für die Genehmigung aus dem Fachaufsatz zitieren zu dürfen, bedanke ich mich sehr. Der Fachaufsatz „Luftpost innerhalb der SBZ im Jahre 1949 – auch für Westberliner Sammelgebiete von Bedeutung“ erschien in den Arbeitsmaterialien der Arge „Berlin“.
(3)
Für die Genehmigung zur Abbildung der Belegvorderseite bedanke ich mich bei Dr. Wolfgang Elsner.

 

Siegfried Paul

 

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